Allgemein Chorleitung Kreativität Präsenz und Ausstrahlung

Chorpräsentation und CHOReografie – was ist das eigentlich?

12. August 2015

 Was genau ist nun eigentlich der Unterschied ?

Die Chorpräsentation rückt in den Fokus, wie genau wir ein bestimmtes Musikstück künstlerisch interpretieren und es so darstellt wird, dass es für das Publikum nicht nur sichtbar, sondern auch emotional erlebbar wird. Wir kommunizieren Musik, indem wir ihr neben der klanglichen auch eine optische Form geben. Es geht hierbei zum einen um die Visualisierung künstlerisch-musikalischer Inhalte und zum anderen um die energetischen Übertragung von Emotionen. Man könnte auch sagen: die Chorpräsentation kümmert sich um die visuellen und emotionalen Aspekte musikalischer Kommunikation zwischen Chor und Zuschauern. Dazu nutzen wir entweder „nur“ Mimik, Gestik und Körpersprache, oder wir gestalten einen Musiktitel choreografisch mit Hilfe einer CHOReografie.

Die CHOReografie umfasst also lediglich einen speziellen Teil der gesamten Chorpräsentation. Mit ihrer Hilfe geben wir einem Musikstück eine konkrete, sichtbare Form. Da wir alle keine Tänzer sind, möchten wir mit möglichst einfachen Mitteln schöne, bühnenwirksame und sinnvolle Effekte erzielen. Wir wollen musikalische oder textliche Inhalte sozusagen auf eine größere Leinwand projizieren, indem wir den Chor als einen darstellenden Körper betrachten, der sich entsprechend des Verlaufes eines Stückes auch verändern kann. Dazu arbeiten wir z.B. mit variierenden Bildern und Formationen, rhythmischen Grundschritten, Body-Percussion, unterschiedlichen Blickrichtungen und verschiedenen Aufstellungen. Nicht jedes Stück muss in diesem Sinne CHOReografiert werden- aber um eine Präsentation kommen wir nun nicht herum! Jedenfalls dann nicht, wenn wir uns hin und wieder vor Publikum präsentieren. DENN:

Jeder Auftritt ist eine Bühnenpräsentation

Sobald ein Chor sich einem Publikum zeigt, präsentiert er sich und seine Musik auf eine ganz spezielle  Art und Weise. Jede optische Darstellung, ob nachlässig oder ausgefeilt, hat eine bestimmte Wirkung auf den Betrachter. Selbst eine zufällige Aufstellung, ein ungeordneter Bühnenaufgang oder das Singen aus einer losen Blattsammlung sprechen Bände, auch wenn es dem auftretenden Chor nicht bewusst ist. Wir verstören unser Publikum schneller, als uns lieb sein kann! Auch eine steife, überkorrekte, penibel ausgeführte Performance kann irritieren- wenn ihr die natürliche Lockerheit fehlt. Wir können unsere Zuschauer nicht täuschen! Sie lauschen, betrachten, interpretieren und beurteilen auf ganzheitlicher Ebene! Und was dabei als Quintessenz heraus kommt, ist, so meine Hypothese, messbar am Grad Sympathie, den sie unserem Chor entgegen bringen- auch wenn der Betrachter nicht immer exakt formulieren kann, welche einzelnen Faktoren zu dieser „Gesamtbewertung“ beigetragen haben. Beobachte dich selbst einmal, wenn du als Zuschauer im Publikum sitzt. Ist deine Sympathie nicht ein ganz individueller Gradmesser für die Gesamtqualität, die du in einer Aufführung erkennst? Beziehst du dabei eine gute stimmliche Qualität nicht genau so mit ein, wie eine unterhaltsame Gesamtpräsentation? Lässt du dich nicht auch von kreativen Ideen verzaubern und von witzigen Präsentationen zum Lachen bringen, von starken Emotionen anstecken und mit ins Geschehen hinein ziehen? Könnte es am Ende sein, dass Sympathie gar kein Zufallsprodukt ist, sondern ein Synonym für eine gelungene Kommunikation- in diesem Fall zwischen Chor und Publikum?

Wenn ich also dafür plädiere, sich als Chor um die Sympathie des Publikums zu bemühen, geht es mir nicht um ein vordergründiges „Sich-beliebt-machen“ oder „Beim-Publikum-Anbiedern“. Vielmehr basiert diese Herangehensweise auf dem Wissen, dass Sympathie letztlich das hart erarbeitete Ergebnis einer ganzheitlichen Chorarbeit ist. Es geht um nicht weniger, als um die Verbesserung der Kommunikation zwischen Chor und Publikum- und zwar in beide Richtungen! Wir bemühen uns, Musik visuell, auditiv und emotional zu kommunizieren, und das Publikum zeigt uns durch seinen Applaus und seine Ge- oder Missfallensäußerungen, in wie weit uns das gelungen ist. Darum ist es wichtig, dass wir uns ehrlich für das Urteil unseres Publikums interessieren und die Ergebnisse in unsere Probenarbeit mit einbeziehen. So funktioniert die Kommunikation in beide Richtungen und kann zu einer sehr befriedigenden Beziehung führen- und damit zu gegenseitiger Sympathie!

Das setzt zunächst ein mal voraus, dass wir sämtliche Ängste vor dem Publikum abbauen! Das ist leichter gesagt, als getan! Denn natürlich wissen wir, dass das Publikum sehr kritisch sein kann und uns manchmal auch (zu) hart beurteilt! Und nichts macht den meisten Menschen mehr Angst, als das Urteil eines Publikums, oder noch schlimmer: einer Jury! Aber solange wir noch Angst vor der Beurteilung anderer haben, können wir uns nicht frei entfalten. Wir bleiben gehemmt, ängstlich und defensiv. Es liegt auf der Hand, dass sich auch die Angst vor der Beurteilung durch die Sänger und/oder den Leiter des eigenen Chores negativ auswirkt! Generell lenkt uns die Angst vor Kritik in eine falsche Richtung: Wir vermeiden Fehler, um Kritik gar nicht erst entstehen zu lassen. Zurückhaltung ist die Folge- Kreativität wird blockiert. Aber: Fehler sind dazu da, um aus ihnen zu lernen! Und nicht jede Kritik ist so schwerwiegend, wie wir befürchten! Wir streben einen freien, fein abgestimmten, individuellen und künstlerischen Ausdruck an. Um irgendwann dorthin zu gelangen, brauchen wir den Mut, Dinge auszuprobieren und auch mal vollkommen daneben zu liegen! Eine gute Portion Humor ist dabei sehr viel hilfreicher, als ängstliche Zurückhaltung.

Es sollte also unser pädagogisches Zeil sein, die „Angst vor dem Urteil anderer“ in ein „Interesse für die Reaktion anderer“ umzuwandeln, uns selbst dabei mit Humor als Übende zu betrachten und unser Anliegen mit Leichtigkeit zu verfolgen. Da wir häufig keine detaillierte Rückmeldung von unserem Publikum bekommen, sondern uns lediglich ein „gefühlter Grad an Sympathie“ entgegen schlägt, sind wir auf unsere intuitive Schwarmintelligenz angewiesen! Wir tauschen uns über unsere Wahrnehmungen aus, erahnen, testen, probieren aus… So entsteht nach und nach eine entspannte, fehlerfreundliche Lernatmosphäre, in der Höchstleistungen erst möglich werden! So finden wir mit der Zeit das Gleichgewicht zwischen messbarer Leistung, auf das Publikum bezogene Interaktion und individueller Kreativität.

Hier zeigt sich bereits, wie komplex das Thema ist: offensichtlich ist es ist nicht damit getan, bestimmte Schrittfolgen einzuüben oder auf eine bestimmte, elegante Weise auf die Bühne und wieder herunter zu gelangen! Vielmehr arbeiten wir intensiv an der Überwindung von (Bühnen- und Versagens-)Ängsten um dadurch das riesige, kreative Potenzial frei zu legen, das in unseren Chören schlummert. Unser erklärtes Ziel ist es, auf individuelle Weise unsere Musik angstfrei und ganzheitlich, d.h.  in ihrem gesamten akustischen, optischen und emotionalen Spektrum, zu kommunizieren und die Reaktion mehr und mehr zu genießen! Untereinander- und später auch mit dem Publikum.

 

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