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Corona-Erkenntnisse

12. August 2020

Neben all dem Schlamassel, den brennenden Türmen in meinem Leben und den vielen noch ungeklärten Fragen, hat Corona etwas sehr Wertvolles für mich gebracht: ich habe ausreichend Anlass und Zeit zur Reflexion.

Insbesondere erkenne ich langsam, was fruchtbare von unfruchtbaren Beziehungen unterscheidet. Und das nicht nur in meinem privaten Umfeld, sondern auch in Gruppen. In meinem Leben habe ich schon einige Gruppen verlassen – immer mit Schuldgefühlen, weil mir anscheinend das Handwerkszeug fehlte, das Blatt für mich UND die Gruppe zum Besseren zu wenden. Und das denke ich heute dazu:

Mit Menschen, die ständig Entscheidungen treffen, denen keine Prinzipien zugrunde liegen, sondern die aus einer spontanen Stimmung oder internen psychischen Druckverhältnissen heraus irgendwie entscheiden (und denen selbst das nicht bewusst ist), kann ich ganz offensichtlich schwer umgehen. Sie sind sich nämlich der Konsequenzen nicht bewusst, die ihre Handeln zwangsläufig für andere hat. Auch, wenn sie entscheiden, etwas NICHT zu tun. Also nicht zu handeln, nicht zu reagieren, nicht zu antworten, keine Stellung zu beziehen, keine Verantwortung zu übernehmen… irgendetwas NICHT zu tun. Dabei ist Still-Bleiben und Sich-am-Rande-halten eine der weitreichendsten und einflussreichsten Entscheidungen, die man überhaupt treffen kann!

Menschen, die ihre Prinzipien kennen, haben dadurch eine Art eigenes Korrektiv und sie sind nicht überrascht, wenn jemand auf ihre Entscheidung irgendwie irritiert reagiert. Sie haben es mit einkalkuliert und sind bereit, darüber zu verhandeln. Sie haben ein inneres Wertesystem, um das sie ringen, und wissen, dass sie damit andere gelegentlich herausfordern. Man kann mit ihnen diskutieren und konstruktiv streiten – und so zu einem Kompromiss kommen. Die Beziehung erfährt fast immer einen Aufschwung, eine Verbesserung. Die OHNE Prinzipien fallen stets aus allen Wolken, wenn sie beim Gegenüber eine Reaktion auf ihr (Nicht-)Verhalten bemerken. „Ich hab doch gar nichts gemacht“ Eben!! Gaaaaanz schwierig. Diese Beziehungen enden dann nicht selten sang- und klanglos.

Bei der Reflexion meiner eigenen Erfahrungen und denen meiner Freunde in ähnlichen Positionen erkenne ich, dass diese Dynamik insbesondere in Chören verheerende Konsequenzen haben kann! Meistens kann man der schweigenden und inaktiven Masse die Konsequenzen ihres Handelns nicht klar machen… es verstehen nur die, die es sowieso schon wissen. Das führt dann oft dazu, dass sich die Aktiven nach oft jahrelangem langem Ringen um ihre Prinzipien aus der Gruppe zurück ziehen. Leider fehlt dadurch der konstruktive Diskurs, der die Gruppe weiter bringen könnte, und es kommt zum sang- und klanglosen Ausscheiden… was nicht selten das innere Absterben der Lebendigkeit einer ganzen Gruppe einläuten kann.

Für mich persönlich ist es daher immens wichtig, immer auch Menschen im Umfeld zu haben, die nach für mich erkennbaren und klar kommunizierten Prinzipien handeln. Ich kann ein sehr großes Spektrum menschlicher Verhaltensweisen problemlos akzeptieren – wenn sie kommuniziert werden und ich auch meine Sicht und Haltung dem Ganzen hinzufügen darf. Wenn ich eine Gruppe leite, dann nur in einem Team eben dieser Gleichgesinnter. Verlassen musste ich eine Gruppe anscheinend immer dann, wenn dieses Team deutlich bröckelte oder gar nicht existierte. 

Corona beleuchtet diese Strukturen wie mit einem Brennglas – alles wird sehr deutlich sichtbar: Wer ist passiv, wer aktiv? Wer bemüht sich um Lösungen, wer schmollt in der Ecke? Wer kann zusammen etwas bewegen, und wo muss man sich trennen weil sich nichts bewegt? Wer übernimmt Verantwortung in Krisenzeiten? Und wer nicht?