Allgemein Auf der Bühne Chorkleidung

„Das Auge hört mit“ Mein Standpunkt aus der „Chorzeit“ 6-8/16

1. September 2016

14184431_665693323596951_5177266008744451817_nDas Auge hört mit!

Was moderne Chorkleidung heute leisten muss

Es ist noch nicht allzu lange her, da trug ein Männerchor auf der Bühne eine Sakko mit Vereinswappen zur schwarzen Anzughose, ein Frauenchor einen langen, schwarzen Rock mit weißer Bluse. Da man sich auf Sängerfesten im Wesentlichen gegenseitig vorsang und die Chormusik ihr Dasein sowieso am Rande der Gesellschaft fristete, war das die einfache Lösung eines eigentlich gar nicht vorhandenen Problems.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Chöre singen vielfältiges und unterschiedliches Repertoire vor unterschiedlichstem Publikum. Es gibt Wettbewerbe, Motto-Konzerte, Flashmobs und Mitsing-Konzerte. Chöre präsentieren sich mit einer eigenen Homepage im Internet, sind auf Facebook und in anderen sozialen Netzwerken vertreten. Sie nutzen die Bühne auf kreative Art mit neuen Aufstellungen, Formationen und Chor-Choreografien. Sie sind auf dem Weg hinein in die Mitte der Gesellschaft.

Jedoch schafft die neue Freiheit auch gleichzeitig ein neues Problemfeld! Denn wo Traditionen nicht mehr fortgesetzt werden, müssen neue Ideen entwickelt und umgesetzt werden- auch in Sachen Chorkleidung.

Wer die deutsche Chorlandschaft heute auf ihre Kleiderordnung hin untersucht, wird sehr bald feststellen, dass sich ein großer Teil der Gruppen auf eine schwarze Grundgarderobe aus dem eigenen Kleiderschrank geeinigt hat. Hinzu kommt dann bei eher traditionellen Gruppen ein bunter Schal und eine farbige Krawatte, bei Chören mit modernerer Literatur wird der Schal durch ein individuelles Accessoire ersetzt. Die restlichen Gruppen einigen sich auf eine Farbpalette- zum Beispiel Sandtöne- die ebenfalls aus der vorhandenen Alltagsgarderobe zusammen gestellt wird.

Die deutsche Chorlandschaft bietet also nicht allzu viel Abwechslung in Sachen Bühnengarderobe- von einigen erfreulichen Ausnahmen einmal abgesehen. Dabei wirkt die Kleidung wie eine optische Visitenkarte! Besonders für Gruppen, die für junge SängerInnen attraktiv sein wollen, ist eine ansprechende und moderne Optik wichtig. Auch Veranstalter, die gern einen Chor für eine hochkarätige Veranstaltung buchen möchten, werden mit Sicherheit nicht nur nach sauberen Tönen, sondern auch nach der entsprechenden Optik entscheiden, welcher Chor das Rennen macht. Eine starke Chorkleidung leistet also auf unterschiedliche Weise ihren Anteil am Fortbestand einer Gruppe.

Es geht beim Thema Chorkleidung jedoch nicht nur um rein kommerzielle Gesichtspunkte. Chormusik hat auch aus künstlerischer Sicht einen optischen Aspekt. Jede Bühnenkunst bemüht sich darum, Form und Inhalt in eine wechselseitige Beziehung zu bringen. Als verwandte Kunst kann da eine Musical- oder Theaterproduktion als Vergleich dienen. Die Kostüme bilden immer entweder eine Einheit oder einen Kontrast zum Bühnenstück! Niemals werden jedoch die Darsteller nach eigenem Geschmack entscheiden, was sie anziehen und diese Sachen dann von zuhause mitbringen. Selbst ein mittelloses Laientheater wird die Darsteller in Stil und Farbe ihren Rollen entsprechend ankleiden. Das geht zum Glück auch mit schmalem Budget, besonders in der Kunst macht Not ja bekanntlich erfinderisch!

Warum ist das in unserer Kunst anders? Einer der Gründe liegt sicher in der Selbstwahrnehmung der Chorsänger. Ein Chorsänger betrachtet sich selbst eben nicht in erster Linie als Künstler, und sein Hobby nicht als Kunstform. Vielmehr steht für ihn die wöchentliche Probe im Mittelpunkt. Hier übt er sein Hobby aus, hier trifft er seine Freunde. Das ist an und für sich noch kein Problem. Konflikte entstehen erst dann, wenn aus dieser Haltung heraus künstlerische Entscheidungen getroffen werden müssen. Dieser Wechsel von der privaten zur künstlerischen Sichtweise fällt den meisten Sängern schwer. Bei der Wahl der Bühnengarderobe geht es nun aber nicht darum, wer welche Farbe am liebsten trägt. Es ist auch nicht entscheidend, wie viel Geld der einzelne ausgeben möchte oder was er auf gar keinen Fall bereit ist, anzuziehen. Es geht vielmehr darum, welcher künstlerischen Gesamteindruck erreicht werden soll, welcher Kleidungsstil mit der dargebotenen Musik harmoniert, und welche Bewegungsfreiheit die Kleidung garantieren muss. Solche Entscheidungen sind aber aus der oben genannten, eher privaten Haltung heraus schwer zu treffen.

Ein zweiter Grund liegt häufig in der Entscheidungskultur einer Gruppe. Um nicht allzu autoritär zu wirken, werden meist alle Entscheidungen mit der gesamten Gruppe diskutiert. Nicht selten wird so lange gestritten, bis kein Widerspruch mehr laut wird. Es fehlt dann nach dem Austausch aller Argumente leider die Abstimmung, was weniger auf eine demokratische als auf eine anarchische Gruppenstruktur hinweist. Auf diese Weise werden sich jedoch immer die Lautesten durchsetzen, weil die Klügeren schneller nachgeben um den Konflikt nicht zu schüren.

Doch was ist die Lösung? Vielleicht diese: Eine wirkungsvolle Chorkleidung, die sich am künstlerischen Gesamteindruck orientiert, braucht eine klare Vision und eine professionelle Umsetzung auf Grundlage einer streng demokratischen Organisationsstruktur. Die Reihenfolge der zu treffenden Entscheidungen sollte „top-down“ erfolgen, also von oben nach unten, vom großen zum kleinen. Von der Idee zur Umsetzung- nicht umgekehrt.

Oft kann es zielführend sein, sich professionelle Hilfe in Form eines Kostümbildners vom Theater, eines Designers oder eines Experten in Sachen Chorkleidung zu holen. Die fachkundige Beratung von Externen kann auch intern zu einem neuen, künstlerischen Selbstverständnisses des Chores führen, was auch auf die künstlerisch-musikalsiche Wirkung eines Chores einen positiven Einfluss haben kann.

http://www.chorzeit.de/#Ausgaben

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